Von Zuhause nach Vladivostok April-September 2005

  • 21.000 Kilometer
  • Jeweils ein Satz Reifen, jeweils Bremsbeläge vorne und hinten, jeweils Lenkkopflager und Zündkerzen, ein Simmerring, ein Kupplungszug, jeweils zwei Ritzel vorne
  • Eine Reifenpanne, mehrere Stürze mit glimpflichen Ausgang, ein Loch im Seitentank, mehrmals verbeulte Koffer
  • Eine gestohlene Espressomaschine während eines der unzähligen Bikepartys in Russland
  • 1 Nacht auf der Fähre
  • 4 Nächte im Zug
  • 55 Nächte in Pensionen und Hotels
  • 59 Nächte im Zelt (wild zelten)
  • 50 Nächte in privaten Unterkünften

Der erste Tag unserer Weltreise wird unvergessen bleiben. Nach einer letzten Nacht auf dem alten Sofa in unserer leer geräumten Wohnung gab es bei Tommys Mutter noch ein großes Frühstück mit der Familie. Dann verabschiedeten wir uns und zirkelten die vollkommen überladenen Motorräder aus der Garage. Eisig kalt, aber sonnig war der 1. April 2005, und in voller Montur und eingeschalteter Griffheizung kauerten wir uns hinter das Windschild unserer schwer bepackten Dakars, innerlich aufgewühlt – einerseits der Abschied und und andererseits die unbändige Vorfreude auf die nächsten Jahre unterwegs.

Das erste Ziel mit Einladung von unbekannten Gönnern, die uns über den Bericht auf der BMW- Webseite gefunden hatten, war im Zentrum von Mailand und die erste Herausforderung für uns beide. Tommy versuchte unser Ziel im Feierabendverkehr zu finden. Damals nutzten wir zwar ein Navi, aber ohne detaillierte Karten. Daher konnten wir nur sehen, dass wir uns den eingegebenen GPS- Koordinaten näherten, aber nicht welche Straßen wir dorthin nehmen sollten. Nur langsam näherten wir uns unserem Ziel und Rosa hatte mit der schwer beladenen Maschine im Stop and Go- Verkehr so ihre Mühe. Der Abend bei den Italienern war schön, aber auch schwierig. Zu erzählen nach einem Tag auf Weltreise gab es von unserer Seite nicht viel, zudem waren wir noch recht unerfahren im Small Talk halten auf Englisch.

Wie geplant nahmen wir die Fähre von Venedig nach Igoumenitsa. Auf den griechischen Bergen lag Schnee, und morgens hatten wir Minusgrade und Raureif auf unserem Zelt.

Hier in Griechenland und viele Male in der Ukraine und Russland verabredeten wir uns mit unseren Motorradreisefreunde aus Freiburg und saßen gemeinsam unzählige Stunden am Lagerfeuer, um Reisegeschichten auszutauschen.

Die letzte Nacht in Griechenland verbrachten wir an einem beschaulichen Ort am Fluss, nur wenige Kilometer von der bulgarischen Grenze entfernt. Nachdem wir Fotos gemacht hatten, gab es einen richtigen Aufruhr am gegenüberliegenden Ufer. Als es dunkel wurde, Blaulicht und Scheinwerfer – oje, wir hatten unwissentlich ein militärisches Gebäude fotografiert! Der Chef wurde geholt, eine Übersetzerin angerufen, und wir mussten die Fotos von unserer Kamera löschen. Die Nacht durften wir trotzdem dort bleiben, und unser Lagerfeuer störte auch nicht.

Bulgarien durchquerten wir an einem Tag, um zu unserem ersten großen Ziel zu gelangen: Rumänien. Die Menschen in Rumänien waren 2005 erschreckend arm. Das Monatseinkommen lag damals bei etwa 150,- € und die Spritpreise um 1,- € pro Liter zwangen viele dazu, zu Fuß zu gehen. Das Pferd als Fortbewegungsmittel und Arbeitstier war da normal!

Wir waren nach Agnita eingeladen worden, einem kleinen Städtchen in Siebenbürgen. Joan empfing uns, als ob wir alte Freunde wären. Er zog kurzerhand zu seiner Lebensgefährtin und überließ uns sein kleines Häuschen. Trotz sprachlicher Barrieren, denn Joan konnte kein deutsch und wir kein rumänisch, verstanden wir uns prächtig. Wir wurden verwöhnt mit Huhn aus eigener Aufzucht, dem morgens der Hals umgedreht und die Federn gerupft und mittags aufgetischt wurde. Dazu selbsgemachter Wein aus der PET- Flasche, dem wir auch reichlich zusprachen bei unserem gemeinsamen Picknick am Ortsrand. Der Holzofen im Bad wurde eigens für uns angefeuert, damit wir Zwei gemeinsam in der Badewanne entspannen konnten. Erst nach einer Woche konnten wir uns losreißen.

Wir fuhren weiter nach Hermannstadt, um dort Dietrich, einen Motorrad- begeisterten Pfarrer zu treffen. Er nutzte eine leichte Enduro, um entlegene Gemeinden zu besuchen, die nur über ungeteerte Pisten erreicht werden konnten, und natürlich, um Besuchern die schönsten Strecken zu zeigen.

Tommy flog für zwei Wochen in die Heimat, da sein Vater gestorben war. Ein trauriger Besuch zuhause. Schon vor der Reise hatten wir uns von ihm verabschiedet mit dem Wissen, dass es für immer sein würde.

Von der Ukraine waren wir anfangs sehr enttäuscht – schnurgerade Straßen durch topfebene, langweilige Landschaften. Erst auf der Insel Krim änderte sich das. Wir genossen die kurvige Straße, die uns entlang der Küste über kleine Bergpässe Richtung Russland führte.

Bisher hatten wir keinerlei Probleme an Grenzübergängen, aber um nach Russland zu kommen, benötigten wir sechs Stunden. Das Problem war unser Geschäftsvisa, das wir nur durch die Einladung einer Moskauer Firma bekommen hatten. Das Dokument für die temporäre Einfuhr unserer BMWs wurde nur für 14 Tage ausgestellt, und wir sollten es in Moskau verlängern lassen. Wir aber wollten nicht nach Moskau, denn das wäre ein riesiger Umweg für uns, die wir ja nach Osten wollten, gewesen. Die Zollbeamten ließen sich trotz Bitten nicht erweichen, und im Dokument wurde Moskau eingetragen.

An der Grenze hatten sie uns ermahnt, uns innerhalb der ersten drei Tage in Russland registrieren zu lassen. Wenigstens das wollten wir einhalten, und nach zwei Tagen Zelten an einem Strand am Schwarzen Meer übernachteten wir in einem Hotel. Dort bekamen wir diesen wichtigen Stempel in unsere Immigrationskarte.

Die erste große Stadt, die wir uns ansehen wollten, war das geschichtsträchtige Volgograd. Es war wie verhext, alle Zimmer waren ausgebucht.

Ein glücklicher Zufall brachte uns Schenja, ein Motorradfahrer, der uns in seiner Datscha am Stadtrand übernachten ließ. Bevor er uns alleine ließ, organisierte er noch, dass uns die Datscha- Nachbarn ein fürstliches Abendessen inklusive obligatorischem Wodka vorbeibrachten! Am nächsten Tag sollten wir einfach die Tür hinter uns zuziehen.

Ebenfalls durch Zufall lernten wir am nächsten Tag Sascha kennen- ein motorradbegeisterter Sohn eines Fischers, der uns einen wunderschönen Platz zum Zelten direkt an der Volga zeigte. Hier blieben wir fast eine Woche. Sascha brachte täglich frischen Fisch oder noch lebenden Flußkrebse, die unfassbar lecker waren!

In Samara konnten wir problemlos unser Einfuhr- Dokument für die Motorräder verlängern lassen. Also doch keinen Umweg nach Moskau! Beruhigt ging´s nun weiter nach Jekaterinburg, um dort bei einer BMW- Werkstatt unsere vorderen Ritzel zu wechseln, die durch die Belastung von schlechten Straßen und viel Gepäck nach nur 9000 km verschlissen waren. Die Nuss, die uns fehlte, bekamen wir zum Abschied geschenkt… Über Omsk und Novosibirsk kamen wir nach Barnaul, denn unser nächstes Ziel war das Altai- Gebirge.

In Barnaul wurden wir zum TV- Interview gebeten, und kurze Zeit später wieder, als wir mit einem Motorradclub eine Bikeparty besuchten.Diese Bikepartys waren immer sehr unterhaltsam und feucht- fröhlich bis in die frühen Morgenstunden. Danach waren dann aber auch wieder froh, wenn wir ein paar Tage nur unter uns waren.

Das Altai stellte sich als einer der landschaftlichen Höhepunkte Russlands heraus. Wir fuhren hauptsächlich auf unbefestigten Pisten durch eine atemberaubende Berglandschaft.

Zurück in Novosibirsk kamen wir fast nicht los. Dort schliefen wir in den Räumen eines Motorradclubs und Tommy konnte in der darunterliegenden Werkstatt unsere Dakars überholen und die Lenkkopflager wechseln. Abends verbrachten wir viele schöne Stunden bei Bier und Wodka mit unseren russischen Motorradfreunden.

Wieder unterwegs hatten wir eine schlaflose Nacht an einem einsamen, idyllischen Platz im Zelt. Zunächst machten uns die Mosquitos zu schaffen, dann war es ein betrunkener Russe, der drohte, uns und unser Zelt zu überfahren. Wir konnten ihn glücklicherweise davon abbringen, und er zog mit einer Flasche Wasser, die wir ihm gaben, wieder ab.

In Krasnojarsk sprach uns Mikail an. Er zeigte uns seine Schätze, eine große Garage voller Motorrad- Oldtimer mit unschätzbarem Wert. Sein größter Stolz war eine in mühevoller Handarbeit restaurierte BMW… Seine Einladung zum Übernachten schlugen wir aus. Leider, denn kurze Zeit später regnete es in Strömen, und Rosa stürzte schwer. Die Straße wurde gerade frisch geteert, der Bitumen schwamm regelrecht auf der regennassen Fahrbahn. Das Motorrad rutschte weg, kam zuerst auf der einen Seite auf und schleuderte dann auf die andere. Rosa hatte Glück im Unglück – nur ein paar Kratzer am Tank, verbeulte Koffer, und ein aufgeschürfter Ellbogen.

Nach einem Tag waren beide wieder soweit hergestellt, dass wir unser nächstes Ziel in Angriff nehmen konnten: Die Insel Olchon, eine traumhaft schöne Insel im Baikalsee. Auf Olchon gab es keine geteerte Straßen, und die Menschen lebten in den typischen sibirischen Holzhäuschen ohne fließend Wasser. Strom gab es nur unregelmäßig, denn er wurde von Dieselaggregaten erzeugt. Als wir dort waren, wurde gerade die neue Stromversorgung vom Festland installiert. Als Trinkwasser wurde ganz selbstverständlich das Seewasser genommen.

Auf dem Weg zurück nach Irkutsk passierte es- Tommy kam in tiefem Sand ins Schlingern, konnte nur noch die Böschung hinunter und blieb dort an einem Baumstumpf hängen. Eine Tankhälfte der Zusatztanks riss ab, der Boden eines Koffers war fast komplett herausgerissen und Tommy wurde an der Hand verletzt. Notdürftig zurrten wir alles fest und fuhren nach Irkutsk.

Dort hielten wir an einer Tankstelle, als uns ein Junge ansprach. Max interessierte sich für unsere bepackten Dakars und fragte das Übliche: Woher, wohin, wie viel Kubik… Wir fragten zurück – nach einem günstigen Hotel und einer Motorradwerkstatt. Max und seine Begleiterin Oxana brachten uns daraufhin zu einer Deutschlehrerin, die über die Sprachbarrieren helfen sollte. Die bestimmte, dass wir bei Oxana zu schlafen hatten und machte für uns einen Termin in der Werkstatt des Motorradclub- Präsidenten aus. Dort wurde das Loch im Kunststofftank abgedichtet, der Koffer ausgebeult und der Boden eingenietet. Bei Oxana und ihrer Tochter Katja fühlten wir uns zuhause, und es gab Wodka und Abschiedstränen, als wir uns von ihnen nach einigen Tagen verabschieden mussten.

Für die Mongolei hatten wir uns gewappnet, indem wir die mitgebrachten Stollenreifen aufzogen, und überflüssiges Gepäck heimschickten – man braucht viel weniger auf einer Weltreise, als man denkt… In der Hauptstadt Ulan- Bator deponierten wir noch mal einige Kilo Gepäck bei Enkhee, einem perfekt deutschsprechenden Mongole, den wir an der Grenze kennengelernt hatten. Wir hatten eine 2000 km lange Rundreise vor uns, die hauptsächlich aus unbefestigten Pisten bestand, und wir wollten so wenig wie möglich Gewicht mit uns herumschleppen. Wir fuhren Richtung Westen über Charchorin und Zezerleg nach Zagaan Nuur, und von dort über Jagaarlant zum Hovsgul- See.

Überall, auch in den entlegensten Gebieten, trafen wir auf Nomaden mit ihren Kamelen, Pferden, Schafen, Ziegen oder Yaks, die in ihren traditionellen Jurten leben. Noch nirgends sahen wir eine solch unberührte Landschaft wie dort, und wir genossen das Enduro- Wandern mit unseren Dakars. Wir hatten wunderbare Begegnungen – eine Familie beispielsweise, die am gleichen See picknickten wie wir unser Lager aufgeschlagen hatten, verzehrten zum Frühstück genüsslich ihren iüber dem Lagerfeuer gekochten, für uns gruselig anzusehenden Schafskopf. Oder die Nomadenmädchen der Jurte in der Nähe, die uns täglich in unserem Zelt besuchten und uns Lieder vorsangen und alles unter die Lupe nahmen, was wir dabei hatten. Und die Begegnung mit zwei Nomaden auf Pferden, die mal auf den Motorrädern probesitzen wollten und uns dafür anboten uns auf ihre Pferde zu schwingen.

Zurück in Russland entschieden wir uns, einen Teil der Strecke nach Vladivostok mit der Transsibirischen Eisenbahn zurückzulegen. Gründe dafür waren, dass Rosa sich ausgerechnet den Schaltfuß verstaucht hatte, und die zahllosen Horrorgeschichten über die Strecke. Wir fuhren mit dem Zug entlang der Piste und sahen, dass wir sie problemlos bewältigt hätten. Trotzdem war die Fahrt ein Erlebnis, denn wir hatten nicht den Touristenwagen gebucht, sondern reisten mit Einheimischen in einem Abteil. Alles war so eng, dass man sich nur abwechselnd an den kleinen Tisch setzen konnte – die Anderen mussten derweil in ihre Kojen.

In Vladivostok kamen wir wieder einmal bei einem Motorradclub unter. Ende August war es hier noch sehr heiß, während sich im restlichen Russland schon der Herbst ankündigte.

Mit der Fähre ging es nach Südkorea, ein Land von dem wir überhaupt keine Vorstellung hatten. Wir besuchten einen Nationalpark in wunderschöner Landschaft und als krasser Gegensatz dazu die gigantische Metropole Seoul.

 

Während unsere Motorräder verpackt in einem Container auf die Verschiffung nach Australien warteten, flogen wir auf die Philippinen zu Tommys Schwager, um ein bisschen auszuspannen. Das war wie ein kleiner Urlaub von der Reise. Aber natürlich freuten wir uns sehr auf unser neues Ziel: Australien und Neuseeland!